Fahrt nach Kassel

In Vorbereitung der Stolpersteinverlegung der Großeltern des Stiftungsvorsitzenden hat die Stolpersteininitiative folgende Recherche zusammengetragen.

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Am 4. und 5.3.2018 unternahm der Shalom- Chor Berlin auf die Initiative von Pedro Elsbach eine Konzertreise nach Kassel, um an der Stolpersteinverlegung für seine Großeltern und seine Großtante teilzunehmen, die 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurden. Aus diesem Anlass machte er  dem Verein Stolpersteine in Kassel und der dortigen Jüdischen Gemeinde den Vorschlag für alle der insgesamt 39 Menschen, für die am 5.3. Stolpersteine verlegt wurden, am Vorabend der Verlegung ein Gedenkkonzert in der Synagoge Kassel zu veranstalten.

Für unseren Chor war dieser Auftritt überaus bewegend. Zuvor hatte man uns in der Synagoge herzlich empfangen und liebevoll bewirtet. Der nicht sehr große Saal füllte sich nach und nach immer mehr. Im Publikum sassen  überwiegend   ältere Menschen, viele von weit angereist und seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in Deutschland. Sie alle waren gekommen, um hier noch einmal Abschied zu nehmen von ihren vertriebenen, ermordeten Angehörigen und ihrer zu gedenken.  Eine Reise zurück in die Erinnerung, angetreten in der Gegenwart, gerichtet auf die Zukunft. Es kam dort zu wundersam zu nennenden Begegnungen zwischen Menschen, die durch ein gelebtes Leben voneinander getrennt, nicht daran geglaubt hatten, sich jemals wieder zu treffen. Wir sahen uns einer   unglaublich aufmerksamen Zuhörerschaft gegenüber, erwartungsvoll  jedes neue   Musikstück innerlich begrüßend, was unseren Gesang  beflügelte. Freude und Trauer vermischten sich und die trostspendende Kraft der Musik ließ ein Band zwischen allen Anwesenden entstehen. Ein unvergessliches Erlebnis für den Chor mit seinem Leiter Assaf Levitin und den wunderbaren Solisten Svetlana Kundish und Ido Halachmi.

Am nächsten Morgen brachen wir dann auf, um die uns ans Herz gehende Aufgabe unserer Reise zu erfüllen, die Stolpersteinverlegung für Pedros Familie. Die heutige Kurt-Wolters- Straße (früher Katzensprung) in Kassel ist kein freundlicher Ort. Das Wohnhaus Nr. 27, ein nach dem Krieg errichteter Zweckbau, liegt zwischen einem riesigen Parkplatz und einem Waschsalon an einer vielbefahrenen Straße neben einem verwahrlosten Grünstreifen. An diesem sehr windigen Tag wurden die drei kleinen Steine mit den Namen von Adolf, Frieda und Else Elsbach in die Erde eingefügt. Doch  bevor dies geschah, kam es zu einer ganz besonderen, unerwarteten Begegnung. Als wir noch auf die Ankunft des Wagens mit den Gerätschaften, den wie immer alle Steine selbst verlegenden Künstler  Gunter Demnig und den Vorsitzenden der Stolpersteininitiative,  Jochen Boczkowski, warteten, gesellte sich ein älteres Ehepaar zu uns. Der Herr kannte die Familie Elsbach noch, weil er als Kind mit seinen Eltern Tür an Tür mit ihnen gewohnt hat. Aus der Zeitung hatte er von der Stolpersteinverlegung erfahren und es war ihm und seiner Frau wichtig an der Zeremonie teilzunehmen. Er kann sich noch gut daran erinnern, gesehen zu haben, wie der Vater Elsbach immer in die Synagoge ging und an den herzlichen Umgang, den seine Eltern mit der Familie Elsbach pflegten. Durch seine Erzählung wurden die drei Menschen für uns sichtbar und gegenwärtig.

Dann kam eine Gruppe von Grundschülern, die an den Stolpersteinverlegungen teilnahmen, hinzu und  Jochen Boczkowski sprach über das Leben der Familie Elsbach.

Als wir dann das Lied Eli, Eli, anstimmten, ein Gebet und Segen für alles Lebendige, geschrieben von der jüdischen, 1944 hingerichteten,  ungarischen Widerstandskämpferin Hannah Szenes, wurde es für einen Moment ganz still auf der lauten Kurt- Wolters- Straße. Einen Augenblick lang konnten  wir uns verbinden mit denen, an die wir nicht aufhören zu denken und um die wir nicht aufhören zu trauern.

1938 hatte das Ehepaar Elsbach seine Goldene Hochzeit gefeiert und Adolf Elsbach legte ein Album mit  145 Glückwunschadressen an, das

Pedro  Jochen Boczkowski übergeben hat, damit es Teil einer Sammlung wird. Aus so manchen Zeilen in den Glückwünschen spricht die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Wie viele der Gratulanten haben es wohl geschafft, sich zu retten?

Bevor sie ermordet wurde,  schrieb Hannah Szenes im Gefängnis ein Gedicht, in dem es heißt, „gesegnet das Herz, das Würde bewahrt auch in seiner letzten Stunde“. Die Würde ist immer bei den Gemordeten und nur dort. Wir wollen uns  an ihr Leben erinnern, es soll nicht ausgelöscht sein, wie es in 1 Sam 25,29 steht: „Seine/ Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.“

Auf der Rückfahrt nach Berlin waren wir alle sehr still, aber in uns klingt etwas weiter.